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Leitfaden für die steirische Männertracht

                                    

zusammengestellt von Schneidermeister Hubert Fink, Trachtenberater des Landes Steiermark unter Mitarbeit von Dr. Roswitha Orac-Stipperger, Volkskundemuseum Graz

Der folgende Leitfaden beruht einerseits auf Erkenntnisse der Trachtenforschung, die für die steirische Männertracht bestimmte Vorlieben in Material, Farben, Auszier und Zusammenstellung der Männertracht vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert nachweist, Details, die für diesen Beobachtungszeitraum eine Charakteristik steirischer Trachtenformen ermöglicht und Unterscheidungen zu angrenzenden Regionen bzw. benachbarten Bundesländern zulässt. Für diesen Zeitraum, der auch gerne als die Blütezeit der (Volks)trachten bezeichnet wird, sind landschaftliche Differenzierungen auch innerhalb der Steiermark deutlich feststellbar.

Diese Einzelheiten und Unterscheidungsmerkmale hat die Trachtenpflege und –erneuerung im 20. Jahrhundert aufgegriffen und – vereint mit schneiderischem Fachwissen – zu zeitgemäßen, in der Gegenwart tragbaren Grundformen weiterentwickelt, die als Gestaltungsempfehlungen der an Trachten interessierten Bevölkerung in Stadt und Land zur Verfügung gestellt wurden. Das Hauptaugenmerk gilt einem Variantenreichtum, der jeglicher Uniformierung entgegenwirkt (darauf ist vor allem bei der Einkleidung von Gruppen zu achten) und einer lebendigen Weiterentwicklung, aber die markanten Grundzüge und regionaltypischen Erkennungsmerkmale nicht außer Acht lässt.

lebendigen Weiterentwicklung, aber die markanten Grundzüge und regionaltypischen Erkennungsmerkmale nicht außer Acht lässt.


Farben:

Anzüge: Grau oder auch Braun mit grüner Garnierung
Ausnahme: oberstes Ennstal, auch Grau mit schwarzer Garnierung)

Röcke und Joppen: Grau mit Grün, Grün mit Rot oder Schwarz, Braun mit Grün, Schwarz oder Dunkelbraun, Naturfarbtöne (bei Leinen und Schafwolle)
Ausnahme: Grenzregion zum Burgenland und zu Slowenien, vereinzelt blaue Röcke

Hosen (Langhosen): graue Anzugshosen sind mit schmalem oder nahtbreitem Passepoil oder mit Lampasstreifen (einfach, doppelt, gerade, gewellt, gezackt – je nach Tracht) aus grünem Besatztuch versehen.
Zu grünen, braunen oder hellgrauen Röcken und Joppen kann auch eine neutrale schwarze Hose (ohne Lampas, Passepoil oder Stulpen) getragen werden.


Material:

Anzüge, Röcke und Joppen: Loden, Kammgarn, Fresko, auch Leinen (für Sommerröcke)


Grundformen:

Rock und Joppe: Es gibt verschiedene Grundformen.
Einreihig, hochgeschlossen („Stehbrust“) mit Stehkragen und 4 symmetrischen Pattentaschen („Leobner“, „Kaiser Franz Josef Rock“) ist die bekannteste Rockform für den Steireranzug, Der Rock hat immer 5 Verschlussknöpfe und eine Rückenfalle entweder offen oder mit Dragoner zu tragen. Der Stehkragen aus grünem Tuck hat Eichenlaubstepperei.

Die Joppe mit Stehkragen und Revers hat drei, der Rock mit Stehkragen und Revers hat vier Verschlussknöpfe.

Die Kombination von Umlegkragen und Revers ist eher bei festlichen (Anzug)röcken üblich.

Einreiher haben drei, Doppelreiher mindestens drei, manchmal auch vier Verschlussknöpfe pro Reihe.

Schlussröcke sind in der Taille durchgeschnittene Röcke.

Eine steirische Besonderheit ist das ein- oder zweireihige Stutzfrackerl, eine im 19. Jh. entstandene trachtliche Variation des modischen Fracks.

Der Rücken kann mit offener Quetschfalte, Dragoner oder als Schößlrücken gearbeitet werden. Den Abschluss der Rückenfalte bildet entweder ein aufgestepptes Dreieck aus dem kontrastierenden Besatztuch oder ein gesticktes Dreieck, die „Schneiderfliege“.

Ein Rückenschlitz ist immer als Hakenschlitz ausgeführt.

Knopflöcher sind immer mit dem Besatztuch passepoiliert, die Kanten sind schmal oder breit mit Besatztuch eingefasst. Die Ärmel schließen entweder mit unterschiedlich gestalteten Aufschlägen ab oder mit einem passepoilierten Schlitz, Knopflöchern und Knöpfen. Kunstvolle Stepperei auf Kragen und Revers sowie handgestickte Applikationen (z.B. die Gams auf dem Ausseer Rock) sind der Stolz jedes Schneiders.

Weste (Leibl): Es gibt verschiedene Grundformen (Steh- oder Umlegkragen, Revers, V-Ausschnitt, hochgeschlossen, ein- oder zweireihig u.s.w.) die sich immer am dazu getragenen Rock orientieren. Zu einreihigen Röcken können auch zweireihige Westen getragen werden, zu doppelreihigen Röcken nur einreihige. Eine formale Besonderheit ist das Ausseer „Furchenleibl“ mit 6 silbernen Verschlussknöpfen und einer von 2 weiteren Knöpfen geschlossenen Querspange am Halsausschnitt. Alle anderen steirischen Westen haben 7, 9, 12 oder 18 Knöpfe, meist aus Silber oder Perlmutt, aber auch schwarze Talarknöpfe sind – je nach Machart und Material des Leibls – möglich.

Das Material kann Tuch, Kammgarn (schwarz-grün Pepita), Samt (mit eingestickten Blumen), Wollbrokat oder Seide sein.
Die Farbpalette reicht von allen Schattierungen von Rot, Grün, Blau, Violett- und Goldtönen bis Schwarz.

Wollbrokat- und Seidenwesten werden zur Gänze aus dem jeweiligen Stoff gearbeitet. Damit ist die Weste ein vollwertiges Kleidungsstück, das auch ohne Rock getragen werden kann. Tuch- und Samtwesten können auch einen Rücken aus Futterstoff haben, dann sollten sie allerdings nicht ohne Rock getragen werden.


Lederhose: aus heimischem Wildleder (Hirsch, Tier, Gams) in Sämischgerbung, ist entweder schwarz („geschmmützt“) oder abgezogen „altschwarz“ gefärbt, nie glänzend oder Grau.
Für steirische Lederhosen ist eine gerade Gesäßnaht überliefert, die runde „Tellernaht“ war bei uns nie üblich.
Kurze Lederhosen – in der Obersteiermark reichen sie fast bis zum Knie – aber auch Kniebundhosen aus Leder haben meist einen verzierten Latzverschluss („Hosentür“) in der Mittelsteiermark eher den jüngeren Schlitzverschluss.
Ausführung und Auszier variieren zwischen dem Ausseerland und der übrigen Steiermark deutlich.
Frauen in Lederhosen (in Musikkapellen) sind eher ein Beispiel für falsch verstandenen Uniformierungszwang. Musikerinnen sollten eine entsprechende regionale oder lokale Frauentracht tragen und müssen sich nicht in Lederhosen zwischen den männlichen Musikern „tarnen“.

Kniebundhose aus Stoff: ist mit Schlitz und Bünderl unter dem Knie aus Loden, Kammgarn oder Fresko gearbeitet. Lederimitationen sind zu vermieden. Übliche Farben sind Grau und Schwarz.

Die Farbe der Stutzen kann Grün, Grau, Graublau („Taubenblau“) oder die Naturfarbe der Schafwolle sein.

Schuhe sind immer schwarz, geschnürt und in zeitloser Form. Schnallenschuhe sind nur im wesentlichen Murtal und im Ennstal zu historischen Trachten üblich.

Das Hemd ist aus weißer Baumwoll- oder Leinenwebe mit zeitlosem Umlegkragen, langen Ärmeln und neutralen Knöpfen (Perlmutt oder Zwirn). Initialen und andere Stickerei sind nur auf der anders geschnittenen „Pfoad“ üblich.

Das Halstuch oder Krawattentuch soll aus reiner Seide, mit eingewebten oder handgedruckten Mustern sein und in der Farbgebung auf Rock, weste, aber auch das Gesicht des Trägers Rücksicht nehmen. Bei Gruppeneinkleidung ist auf die Wahl verschiedener Krawattentücher zu achten, so kann durch kleine Accessoires ein lebendiger Gesamteindruck bewirkt und völlige Uniformierung vermieden werden!

Der Hut kann verschiedene Formen und Schmuckelemente haben. Zylinder-, Stock- oder Reindlhutformen aber auch der außergewöhnliche weststeirische „Bullkogler“ zählen zu regionalen überlieferten Hutformen.
Darauf abgestimmt sind Hutband und –schmuck. Während zum Bullkoglerhut verschiedenfarbige Schnüre gehören, tragen schwarze Reindlhüte ein schwarzes Hutband. am bekanntesten ist aber der Ausseerhut als zylindrischer schwarzer Filzhut mit grünem Seidenband.

Das Hutgesteck, eine Art Jagdtophäe, beschränkte sich ursprünglich auf die gebirgigen Jagdregionen der Obersteiermark und kann sowohl Federgesteck („Schildhahnhakl“ oder Birkhahnfedern) als auch Haargesteck (Gams- oder Dachsbart in Büschelform oder als Scheibenbart) sein. Adlerflaum ist für die Steiermark nicht typisch und eher von bayrischen Trachten- und Musikgruppen übernommen. Nicht jede Hutform „verträgt“ ein Hutgesteck!

ALLE MÄNNERTRACHTEN KÖNNEN AUCH ALS DAMENKOSTÜM GENÄHT WERDEN.

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